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Wachwechsel Nr. 10: Biscaya daraus

Wachwechsel Nr. 10: Biscaya daraus

Es schaukelt. Ich drehe mich in meiner Koje in Kammer 2 immer wieder von einer auf die andere Seite und genieße es. Plötzlich hört man Kommandos von Deck, kurz darauf hört man durch den Mast, wie mit vereinten Kräften die Großobermars geborgen wird, deren Tonnenrack durch den Wind gegen den Mast gepresst wird und einfach nicht geborgen werden will. Ärgerlich, dass ich heute zur Unterrichtsgruppe gehöre…Um sechs Uhr hält es mich nicht mehr in der Koje und stolpere voller Vorfreude an Deck. Die Fock ist nur aufgegeit, das Schiff stampft durch das Wasser – und ich schaffe es, meinen 
Toppsgasten zu überreden, dass wir das Segel beifangen können… Es ist ein Gefühl, wie man es wohl nirgendwo sonst erleben kann, dieses Gefühl, wahrhaft frei zu sein… 
Zwei Stunden später, ich sitze in der letzten Klausur dieser Reise, kommt mein durchnässter Erdkundelehrer in die Messe, fragt, ob wir Leute fürs Segelbergen da haben. Da beschließe ich, dass diese Klausur das nicht wert ist – So etwas kann ich mir nicht entgehen lassen und gebe die Klausur nahezu unbearbeitet ab. Dann wird aufgeentert, die Vorobermars wird geborgen, jetzt kommt es auf alles an, was wir bis dahin an Bord gelernt haben. Einer hält das widerspenstige Segel, der andere balanciert auf dem Fußpferd und bindet den Nockzeiser, während man mal unter sich das Deck sieht und im nächsten Moment nur die brodelnde See. Dann geht es wieder runter, die letzten Stagsegel beifangen. Ich stehe auf dem Klüverbaum und ziehe das Segel mit den Händen nach unten und tauche mit durch die Wellen, bis auch das letzte Segel sicher beigefangen ist. 
Dieses Gefühl, Grenzen zu überwinden, die Biscaya im Frühjahr 2016 zu meistern, zu sehen, dass jeder Handgriff sitzt, dieses Gefühl, sich aufeinander blind verlassen zu können, immer das Maximum von dem was möglich ist, herauszuholen und vor allem, frei zu sein – Das ist das, was mich an das Segeln und die Roald gefesselt hat, das macht süchtig, das ist das, was mich immer wieder an Bord treibt. 

Ole, Frühjahr 2016