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Wachwechsel Nr. 12: Angekommen

Wachwechsel Nr. 12: Angekommen

Endlich lag Sie vor mir. 
Ein halbes Jahr hatte ich auf diesen Moment hin gefiebert, jede Tagesmeldung verfolgt. 
Ich war noch nie auf einem solchen Schiff gewesen, geschweige denn länger auf dem Meer. Ein paar Stunden Fähre und viele km auf Binnengewässern waren meine Erfahrungen. 
Nun versteckte Sie sich an der Pier hinter einem Kreuzfahrtriesen in St. Petersburg. Ich war zu früh, viel zu früh, erst morgen würde das Check-in sein. 
Eine kleine Mannschaft war an Bord. 
War es noch die Alte oder schon die Neue? Ich wollte nicht stören. „Unauffällig“ blieb ich für Stunden an der Pier, machte Fotos und sog das Leben an Bord in mich auf. 
Unwirklich: Schon morgen soll ich an Bord sein. 
Langsam verabschiedete die Sonne den Tag. Auch die Mannschaft zog bis auf die Hafenwache los in die Stadt. 
Auch am nächsten Tag war ich zu früh an der Pier. Check-in sollte um 14 Uhr sein. Gerade schlug es 12. Unschlüssig patrouillierte ich vor dem Zollzugang. Ich fasste meinen Mut zusammen. 
Am Zugang kam ein Zöllner auf mich zu. Panik. Kurz bevor er mich ansprechen konnte kam gerade jemand von Bord, sah mich mit meinem Seesack: “Du willst zur Roald? Einfach dort vorne rechts und dann immer weiter“. Ich lies den Zöllner stehen und ging an ihm vorbei aufs Schiff. Dort angekommen wurde ich wie ein alter Freund begrüßt: „Wir essen gerade noch zu Mittag, da ist die Kombüse, du isst jetzt erstmal mit und dann machen wir den Rest“ 
Ich fühlte mich sofort zuhause. 

(St. Petersburg, Leytenanta Smidta Embankment, 2019, Jörn)