Tagesmeldung vom 25.10.2026

Tagesmeldung vom 25.10.2026

Törn 0940 | Mor Breizh Westwärts
Jerry, der Lotse und die stürmische See

 

Position 50°34,2′ N|001°03,7 W
Kurs, Speed 180 | 5,3kn
Etmal 16nm
Wind WNW – 7+bft
Luftdruck 1004 hpa
Bedeckung 8/8
Temp (L/W) 13°C, 12°C

Heute morgen wurden wir mit dem schönem Gesang unserer 1. Steuerfrau – oder war es doch Neptun? – sanft aus unseren Träumen geholt. Besser kann man ja gar nicht geweckt werden.
Beim Frühstück merkte man gleich die allgemeine Vorfreude (bei einigen Trainees gemischt mit leichter Nervosität bezüglich des bevorstehenden Seegangs), dass die Roald nun nach 4 Tagen Hafen endlich wieder ihrem Naturell nachgehen und in See stechen darf.

Um sicher aus dem Hafen von Portsmouth geleitet zu werden, bekamen wir Gesellschaft von dem Lotsen Jerry – einem waschechten britischen Seemann wie er im Buche steht und der für allgemeine Bewunderung gesorgt hat. Da er uns bereits am Mittwoch bei Sturm und Regen sicher in seinen Hafen geleitet hatte, fühlte es sich so an, als wäre er bereits Teil der Crew. Wobei sich das Gefühl einschlich, dass auch er nicht ganz immun gegen den Charme der Roald war und sich somit nicht ganz unfreiwillig – wenn nicht sogar zu seiner eigenen Freude – für diesen Auftrag gemeldet hatte.

Als wir von der Sonne begleitet den Hafen hinter uns ließen und uns endlich wieder der frische Wind und die Gischt um die Nase wehte, sah man an Deck nur noch strahlende Gesichter und leuchtende Augen. Dieser Moment erinnert daran, was uns als wild durchmischte Crew schlussendlich doch alle hier verbindet: die Liebe zur See und zur unglaublichen Weite und Freiheit.

Nachdem Emma (wie unser Schiffsmotor liebevoll genannt wird) uns schnurrend aus dem Hafen getuckert hatte, durften wir zu ihrer Unterstützung und zur Freude aller endlich auch auf See ein Segel – nein, diesmal sogar mehrere – setzen. Als das Kommando kam das Vorstengestagsegel, den Innenklüver und das Großstengestagsegel zu setzen, stürmten alle Trainees voller Tatendrang los – doch Moment, wo war jetzt noch mal die verflixte Schot? Oder war es doch das Fall? Nach ein paar verwirrten Seitenblicken kann man ja zum Glück dem Lead der Deckshands folgen und sich dann schonmal irgendwo an der Fallleine positionieren, da steht man eigentlich nie fehl und jede Hand kann gebraucht werden. Die Hände waren bei dem Wellengang und Sturm auch dringend nötig und so konnten wir unter gelegentlichen Duschen mit vereinten Kräften die Segel setzen.

Zum Leid der Backschaft hatte heute Morgen jemand die Entscheidung getroffen, dass es heute Mittag Fisch geben solle – ob das bei dem Seegang so klug war, lasse ich jetzt mal so offenstehen. Denn bei dem Fischgeruch in der Kombüse drehte sich selbst bei den robustesten Seefrauen und -männern die Mägen um und man traf dann doch ein paar unerwartete Gesichter über der Reling hängend an. Nach dem Mittag war dann auch schon „one man down“ oder besser gesagt „one woman“ und diese verzog sich dann trotz Wache klammheimlich in die Koje.

Wie sich vielleicht vermuten lässt, hat es die Verfasserin dieses Textes doch etwas stärker getroffen und sie hat festgestellt, dass es immerhin in der Horizontalen etwas besser auszuhalten ist. Nicht an Deck mithelfen zu können ist echt doof, doch immerhin hat man beim Schreiben der Tagesmeldung wenigstens ein bisschen das Gefühl nützlich zu sein.

Irgendwann wurde dann noch ein „all hands on deck“ ausgerufen, um eine Wende zu fahren, doch wie ich mit einem Ohr mitbekommen habe, hatte sich für dieses Mannöver auch nur noch die halbe Crew am Spill eingefunden.

Später hatte die Backschaft noch ein Abendessen hingezaubert, was mir bei dem Wellengang doch schleierhaft ist, wie man da in der Kombüse auch nur ein Messer in die Hand nehmen kann. Trotz lautem Geschepper und gelegentlichem Fluchen, haben sie es doch heil und ohne Zwischenfälle geschafft. Meine Bewunderung! Allerdings habe ich später vernommen, dass ein Großteil das Essen hat sausen lassen und sich bereits vorher in die Koje geschlichen hatte.

Nun wünsche ich meiner Wache 1 eine gute Nachtwache und allen anderen eine „goede Ruh!“

Stürmische Grüße gehen raus an Maren, Günther & Cibu <3

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