Tagesmeldung vom 11.03.2026

Törn 0910 | Interkontinental mit Brigg
Atlantiküberquerung die zweite
Position 37°15,8′ N|051°24,4′ W
Kurs, Speed 100 | 6,2kn
Etmal 150nm
Wind SSW – 4bft
Luftdruck 1028 hpa
Bedeckung 3/8
Temp (L/W) 21°C, 19°C
Titel: Was ich wertzuschätzen gelernt habe
Autorin: Miriam
Datum: 11.03.2026
Position: 37°15,8’N 051°24,4’W
Kompass Kurs: 100
Etmal: 150 sm
Durchschnittliche Geschwindigkeit: 6,2 kn
Auf dem Schiff merken wir langsam, dass sich die Reise dem Ende zuneigt. Nur noch ein Stopp, und dann geht es nach Hause. Die letzten sonnigen Tage haben begonnen, und man fängt an, sich Gedanken darüber zu machen, wie das Leben zu Hause nach dieser Reise weitergehen wird. Wie leicht wird es uns fallen, wieder in den Alltag zurückzufinden? Passen wir da überhaupt noch rein? Oder haben wir uns zu sehr verändert und müssen unseren Platz erst neu suchen? All das sind Dinge, die uns durch den Kopf gehen.
Ich persönlich möchte nach der Reise anfangen zu studieren, wobei mir das Reisen so viel Spaß macht, dass ich das auch gerne noch länger machen würde. Ich plane gerade – von einem Segelschiff mitten auf dem Atlantik – mein Leben zu Hause. Ich habe mir eine Liste mit all dem Essen geschrieben, das ich zu Hause kochen möchte. Und generell merkt man auf dem Schiff, dass sich alle langsam auch wieder auf zu Hause freuen. Klar, hier ist es richtig toll, aber sechs Monate sind einfach eine lange Zeit. Deshalb drehen sich mittlerweile immer mehr Gespräche um zu Hause.
Und da ich gemerkt habe, dass es eher kontraproduktiv ist, sich über zu Hause zu unterhalten, wenn man die Zeit hier genießen möchte, habe ich eine Liste geschrieben. Diese handelt von lauter Dingen, die ich auf dem Schiff wertschätze oder für die ich hier dankbar bin. Einfach, um mir und euch zu zeigen, wie schön es sein kann, auf diesem Schiff zu leben.
Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge
Die Ruhe an Deck von 8 bis 11
Wenn jemand frisch geduscht hat und so gut riecht
Wenn jemand nach dem Essen mein dreckiges Geschirr mit wegräumt
Frischkäse
Dass man gezwungen ist, früh aufzustehen und somit etwas vom Tag hat
Komplimente fürs Wecken zu bekommen
Gute Musik in der Backschaft
Dass sich jeder Tag wie auf einer Freizeit anfühlt
Als Kilian mir abends nach der Wache ein Müsli hingerichtet hat, weil er wusste, dass ich noch eins essen möchte
Die Minuten nach dem Kotzen wegen Seekrankheit, in denen es einem einfach richtig gut geht
Wenn jemand sich freiwillig für Ruder und Ausguck meldet
Wenn die Milch einen Deckel hat
Wenn einem auf dem Sitzsack Platz gemacht wird
Warmes Abendessen
Gut geschnittene Brotscheiben
Wenn Peer Horn spielt
Gemüse zum Abendessen
Waschtag
Wenn man die Motivation findet, selbst zu duschen
Wenn das Deck trocken ist
Nutella (auch das selbstgemachte)
Wenn man die Welle rechtzeitig sieht und sich wegdrehen kann
Wenn es einem nicht gut geht und jemand kommt, der sich kümmert
Obstsalat
Der Sternenhimmel
Delfine
Die Ruhe, in der man nur die Wellen hört
Unter allen Segeln zu segeln (so wie heute)
Wenn man keine Backschaft hat
Wenn Anton, Karl und Mateo abspülen müssen
Wenn man Reinschiff Deck hat, es aber regnet oder das Deck nass ist
Wenn man vor dem Wachwechsel nochmal schaut, ob alle da sind, und gegebenenfalls nochmal nachweckt
Wenn einem der Kopf gekrault wird
Wenn man mit Kuli bemalt wird
Abends Shantys zu singen
Die Liste ist deutlich länger geworden, als ich erwartet hätte. Manchmal konzentriert man sich einfach viel zu sehr auf die negativen Dinge und verliert dabei all das Positive aus den Augen. Sich dann bewusst hinzusetzen und die kleinen Momente wertzuschätzen, hat mir extrem geholfen.
Gleichzeitig ist mir noch einmal mehr bewusst geworden, dass diese Reise nicht ewig dauern wird. Bald laufen wir im Hafen in Amsterdam ein und können unsere Familien wieder in die Arme schließen. Das wird ein wunderschöner Moment sein, aber auch einen sehr traurigen Abschied bedeuten.
In der nächsten Zeit werden wir das letzte Mal Delfine sehen, ein letztes Mal den Sonnenuntergang genießen und ein letztes Mal auf dem Deck kuscheln. Diese unglaublich prägende Zeit ist bald vorbei, und ich möchte sie noch so gut es geht genießen. Denn so sehr ich mich auf zu Hause freue, so schön ist es doch auch, was ich hier erleben darf.