Tagesmeldung vom 09.03.2026

Tagesmeldung vom 09.03.2026

Törn 0910 | Interkontinental mit Brigg
Atlantiküberquerung die zweite

Position 35°20,6′ N|056°43,8′ W
Kurs, Speed 080 | 5,3kn
Etmal 129nm
Wind WSW – 4bft
Luftdruck 1028 hpa
Bedeckung 6/8
Temp (L/W) 25°C, 19°C

Titel: LebenLernen auf Segelschiffen
Autorin: Sarah
Datum: 09.03.2026
Position: 35°20,6’N 056°43,8’W
Kompass Kurs: 080
Etmal: 129 sm
Durchschnittliche Geschwindigkeit: 5,3 kn

LebenLernen auf Segelschiffen e.V. – das ist der Name des Vereins der Roald und beschreibt das Leben auf ihr auch sehr gut. Natürlich lernen wir in den Wachen viel über das Segeln: „Was macht man mit den Brassen?“, „Wie funktioniert eine Wende?“ und „Wie setzt man das Briggsegel?“. Aber etwas über das Schiff zu lernen ist nicht alles – wir lernen ebenso etwas über uns selbst und natürlich über das Leben.

Das Erste, was wir hier lernen konnten, war, dass nichts alleine geht. Ein Segelschiff braucht eine ganze Mannschaft zum Fahren, und kein noch so guter Kapitän kann es alleine steuern. Auf See wird einem bewusst, wie wichtig es ist, sich aufeinander verlassen zu können und zusammenzuarbeiten. Man lernt, wie wichtig Zusammenhalt und Vertrauen sind und wie wenig Alleingänge oft bringen. Das alles sind Werte, die auch im normalen Leben zählen, denn ohne Rücksicht auf andere macht man sich in keiner Firma gut, und Hilfsbereitschaft ist eine Eigenschaft, die überall gerne gesehen wird. An Bord lernen wir, wie ein Zusammenleben funktionieren soll und kann, und unser Mikroorganismus Schiff lässt sich gut auf das echte Leben übertragen.

Auf unserer Reise konnten wir aber natürlich auch schon viele alltagsnahe Dinge lernen. Durch Backschaften und Reinschiff ist jeder von uns jetzt in der Lage, eine Mahlzeit zu kochen, abzuwaschen oder ein Klo zu putzen. Auch das jetzige Wassersparen zeigt uns, auf wie viel man im Alltag verzichten kann.

Doch am allermeisten lernt man an Bord über sich selbst. Wir alle sind auf dieser Reise schon unglaublich gewachsen und wachsen immer weiter über uns hinaus. Wir haben gelernt, wo unsere persönlichen Grenzen liegen, wie wir sie kommunizieren können und was wir tun können, wenn sie erreicht sind. Wir haben gelernt, was es bedeutet, wenig Privatsphäre zu haben, und wie wir sie uns schaffen können. Wir haben gelernt, sowohl an guten als auch an schlechten Tagen weiter mit vielen anderen Menschen interagieren zu müssen und trotzdem erträglich zu bleiben – und noch vieles mehr.

All diese verschiedenen Situationen und Lernfaktoren haben uns viel über uns selbst gezeigt und helfen uns zu verstehen, wer wir sind. Stunden im Ausguck, in denen man nachdenken kann, tiefe Gespräche mit anderen und Situationen, in denen man über sich hinauswächst: Wir haben hier genug Möglichkeiten, über Fragen wie „Was macht mich aus?“, „Was ist mir wichtig?“, „Was kann ich gut?“ oder „Was will ich erreichen?“ nachzudenken – und jedes Nachdenken bringt einen ein Stück näher an die Antworten heran.

Dadurch, dass wir hier an Bord nicht unsere Eltern, Geschwister und besten Freunde um uns haben, haben wir viel mehr die Gelegenheit, diese Fragen für uns selbst ganz persönlich zu beantworten. Dass wir an Bord oder auch an Land so viel selbstständig machen, fördert diese Eigenständigkeit. Wir merken, wie viel wir uns selbst zutrauen können und was wir auch alleine, ohne eine Hand von Mama oder Papa, schaffen können.

Selbst anzusagen, ein Segel zu setzen oder ein Manöver anzuleiten – und das unglaubliche Gefühl danach, wenn es geklappt hat, wenn man ohne Hilfe die richtigen Kommandos gegeben hat – zeigt einem, wie viel man schon kann und sich auch zutrauen darf. Das sind Dinge, die wir an Land nie so erlebt hätten. Jeder Sturm und jede Herausforderung lässt uns in uns selbst wachsen und neue Dinge über uns lernen.

Bei Ocean College, einer Schule auf dem Meer, geht es natürlich darum zu lernen, und selbstverständlich lernen wir auch schulische Inhalte. Aber die wichtigsten Dinge, die uns hier beigebracht werden, können wir in keiner Schule an Land lernen. Die entscheidenden Lernfaktoren sind Werte und Erkenntnisse, die wir hier gewinnen können. Jedes Abenteuer schenkt uns neuen Mut, Selbstvertrauen und Offenheit für weitere Abenteuer.

Auch wenn es inzwischen nur noch fünfeinhalb Wochen sind, weiß ich, dass dieses Lernen weder jetzt noch nach der Reise aufhören wird. Und ich freue mich auf all die Abenteuer, die mir noch begegnen werden und mich weiter wachsen lassen.

Grüße:

Lotta R.: Alles Gute zum Geburtstag liebe Mama. Ich hoffe, dass du einen wunderbaren Tag hattest und dass die Postkarte angekommen ist. Mir geht’s elefantastisch hier irgendwo uffm Atlantik.

Sarah: Grüße vom Nordatlantik an alle zu Hause! Mit einer großen Flaute, statt der befürchteten Stürme fahren wir mehr über denAtlantik als zu Segeln, aber dafür mit echt gutem Wetter. Und so merken wir, dass wir Zuhause immer näher kommen. Ich freue mich schon echt euch wiederzusehen und in die Arme schließen zu können❤️

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